Schmerz stört. Insbesondere in einer hedonistischen Konsum- und Leistungsgesellschaft. Warum sollte sich jemand freiwillig mit dem Schmerz der Anderen auseinandersetzen? Gib den Anderen lieber ein Schmerzmittel, dann lohnt es sich für die Wirtschaft und der Staat bekommt seine Mehrwertsteuer.

Psychische und physische Schmerzen sind vielfältig. In der westlichen Medizin galt Schmerz traditionell als Ausdruck einer organischen Schädigung. Heutzutage wird es nicht mehr als rein körperliche Empfindung definiert, sondern bezieht auch genetische, psychosoziale sowie kulturelle Faktoren ein. Die medikamentöse Behandlung dominiert nach wie vor die medizinische Schmerzforschung. Nicht nur Psychologen wissen unterdessen, dass empathisches Mitfühlen seitens des sozialen Umfelds oder innerhalb einer Psychotherapie helfen kann, die Stärke der individuellen Schmerzempfindung zu lindern (Schmerzmodulierung). Dennoch bleibt Schmerz eine sehr subjektive Wahrnehmung mit komplexen Wechselwirkungen, die sich massgeblich auf die Lebensqualität auswirkt.

Heroin war eines der ersten chemischen Arzneimittel, das im grossen Stil produziert und zur Linderung von Husten, Schmerzen und Depressionen beworben wurde. Anfangs glaubte man, es mache im Gegensatz zu Morphium nicht süchtig und könne auch Kindern verschrieben werden.

Kurz vor dem ersten Weltkrieg sprach sich herum, dass inhaliertes oder intravenös gespritztes Heroin eine viel stärkere Wirkung besitze. Ab 1930 international geächtet, begann Ende der Sechziger Jahre der Aufstieg zur beliebten Strassendroge. Heroin hat eine Halbwertzeit von 6 Stunden. Wie bei der Ausschüttung von Endorphinen (körpereigene Opioide) verursacht der Konsum ein sehr intensives Wohlgefühl, das viel stärker als ein sexueller Höhepunkt wirke. Zustände von Geborgenheit und grosser Zufriedenheit werden beschrieben. Körperliche als auch seelische Schmerzen verschwinden völlig, oder werden nicht mehr als störend erlebt. So, als sei man in Watte eingebauscht.

Gehört Schmerz zur Natur des Menschen? Eine unangenehme Empfindung, dem man sich von der Geburt bis zum Ableben nie völlig entziehen kann? Was passiert mit dem Schmerz, wenn eine Gesellschaft ihn lieber verdrängen will?

Vor 20 Jahren verursachte die offene Drogenszene in Zürich vielfältige Erscheinungsformen des Schmerzes. Viele junge Menschen trieb die vermeintliche Auflösung des inneren Schmerzes durch die Heroin-Einnahme in den schnellen oder langsamen Tod. Der Platzspitz („Needle Park“) polarisierte weit über die Landesgrenzen hinaus die Gemüter.

Die Versuche, dem offenen Drogen-Umschlagplatz ein Ende zu bereiten, bewirkten nur eine mehrfache räumliche Verschiebung des Problems. Bis den Ordnungshütern der Kragen platzte und die offene Szene auflöste. Das Übel bohrte sich über die Jahre in das gesellschaftliche Gedächtnis ein. Das Thema wurde ins Abseits gedrängt und die Junkies verschwanden in Schlupflöchern. Einige Abhängige hatten das vermeintliche Glück, an einer staatlich organisierten Entzugstherapie teilzunehmen.

Ein abrupter Heroinentzug ist nicht unbedingt lebensbedrohlich, aber die Betroffenen empfinden es als die Hölle. Der Entzug verursacht Muskel- und Knochenschmerzen, Krämpfe, Zittern, Schweißausbrüche wechseln sich ab mit Schüttelfrost, Schlaflosigkeit und Erbrechen. Der Entzug dauert bis zu einer Woche und die Verletzungsgefahr steigt wegen autoaggressivem Verhalten. Folglich entsteht physisch wie psychisch ein schier unstillbares Verlangen nach dem erlösenden nächsten „Schuss“. In staatlich kontrollierten Entzugstherapien wird Heroin meist durch Methadon ersetzt, weil es billiger ist.

Die Methadon-Therapie macht die Abhängigen zu Patienten und lässt sie langsam über die Jahre hinweg dahinsiechen.

Je mehr der Ballon eine ideale Grösse erreicht, desto schärfer wird die darauf gerichtete Projektion. Kurz bevor der Ballon die ideale Grösse erreicht, berührt er die Spitze einer goldenen Glasspritze und platzt. Die Glasspritze ist entweder an einer Glasglocke montiert oder hängt so von der Decke herab, dass der Betrachter sie nicht auf den ersten Blick erkennt. Nach dem Platzen sieht man an der Wand dahinter nur noch unscharfe, bewegte Schemen. Die Prozedur wiederholt sich, der nächste Betrachter kann wiederum einen neuen Ballon aufblasen. Die Arbeit soll den Schmerz wachhalten, den Schmerz der Anderen, die dem Rauschmittel erlegen sind. Die Schicksale können durch ein Gästebuch mit Geschichten von Zeitzeugen ergänzt werden. Durch das Involvieren des Betrachters oder der Betrachterin, soll die Empathie angeregt werden, Drogenabhängige nicht als Randgruppe abzukanzeln, sondern als Einzelschicksale und Teil der Gesellschaft zu verstehen. Die Installation soll Fragen aufwerfen, wieso die Gesellschaft Schmerz vermeiden will. Die partizipative Installation ist kein Schlusspunkt, sondern dient dem künstlerischen Erforschen der unterschiedlichen Empfindungen und Reaktionen des teilnehmenden Publikums.


Sie werden träge und antriebslos. Die Lebensqualität der Betroffenen und das soziale Umfeld leiden darunter. Die Todesfälle will niemand an die grosse Glocke hängen.

Heute, gut zwanzig Jahre nach der Vertreibung der offenen Drogenszene, denken die meisten, es sei alles in Ordnung. Vereinzelt wagt sich ein Abtrünniger mit glasigen Augen und schleppender Stimme gegen den Strom der Geschäftigen zu laufen – das Betteln um ein paar Münzen hinterlässt meist nur ein fahles Gefühl von Ekel. Die Medien leisten ihren Beitrag, lassen die alten Bilder auferleben, der Schmerz gehört den Anderen.

Der Platzspitz ist als künstlerischer Mikrokosmos geplant, um sich dem Schmerz der Anderen zu nähern und einen fühlbaren Denkprozess anzustossen. Die Installation dient als Forschungsgrundlage, um Überlieferungen von Zeitzeugen und Folgen der Abhängigen zu sammeln. Die Installation bietet die Option zur Interaktion. Im Vorfeld gesammelte Videoaufzeichnungen werden als Rotoskopie auf einen grossen Ballon projiziert. Der Ballon ist an einer freistehenden Gasflasche montiert und die Besucher dürfen die Gaszufuhr in den Ballon selber regulieren.



co: Mirjam Loertscher

Letten in den neunziger Jahren, Zürichs graue Gassen, desolate Zustände, meine Brüder inmitten der Heroin konsumierenden Drogenszene. Die Schauplätze lösen in mir ohnmächtige Gefühle aus. Ich gehe als Kind an der Hand meiner Mutter diese Orte ab, um die Brüder zu suchen. Marco und Santo – fünf und zehn Jahre älter als ich. Die Geschichte erstreckt sich über Beschaffungskriminalität, Inhaftierungen, gescheiterte Entzugstherapien, Überdosen von Medikamenten, Streit und Gewalt. Machtlos in diesem Zustand, haben wir auf ein baldiges Ende gehofft.

Nüchtern gesehen war die Aussicht auf Besserung sehr gering, manchmal gar utopisch. Unablässig mussten die Brüder den zwanghaften Drang nachErlösung stillen. Tag für Tag sind sie innerlich zerbrochen und dann wieder aufgeblüht. Marco ist mittlerweile den Folgen seiner Obsession erlegen. Santo lebt in Sizilien, hier des Landes verwiesen. Meine Mutter lässt ihm Geld zukommen für seinen Unterhalt. Das Methadon bezieht er bei einer Abgabestelle im Ort. Als junger Erwachsener zwischen diesen Szenarien, hat es mir an Halt gefehlt. Eine Tagesstruktur habe ich durch das Besuchen der Schule erlangt. Die Hausaufgaben habe ich selten oder gar nicht geschafft. Wegen den Umständen zuhause habe ich mich mit anderen Dingen abgelenkt. Rückblickend erinnere ich mich an die Zeit des Elends nur noch vage. Heute wiederum möchte ich mich intensiv mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen.

Mein Weg durchläuft alle Etappen, die einen besonderen Stellenwert erhalten und sich mir so eingeprägt haben.

Alle Orte haben Spuren hinterlassen. Eine Glasplatte in der Höhe und Breite eines 11 Jahre alten Menschen begleitet mich. Die Platte steht stellvertretend für mich als Kind. Analog den Eigenschaften eines Kindes widerspiegelt sich auch im Material Glas die Persönlichkeit, das Temperament, das Wesen.

„Ich habe miterlebt, wie meine Brüder durch den Drogenkonsum zu Zauberlehrlingen geworden sind.“

Das Heroin wird bekanntlich oft gespritzt, kann aber auch geraucht werden - statistisch gesehen von gut der Hälfte der Ab- hängigen. Hierfür wird eine kleine Menge des Heroins punktweise auf einem Stück handelsüblicher Alufolie platziert. Diese wird dann mit dem Feuerzeug erhitzt, bis das Heroin sich verflüssigt. Danach bewegt man den Stoff auf der Folie hin und her, bis sich eine dunkelbraune Bahn bildet. Die aufsteigenden Dämpfe werden inhaliert und möglichst lange in der Lunge behalten. Eine solche Prozedur dauert in der Regel bis zu zwanzig Minuten. Auf der Unterseite der Alufolie bildet sich durch die Erhitzung des Feuerzeugs eine schwarze Russschicht.

„Ein schwarzer Schleier hat mir über die Jahre den Blick auf die Vergangenheit verwehrt.“

Für mich stellt meine Arbeit etwas Alchemistisches dar, was mich dazu bewogen hat, die Glasplatte komplett mit schwarzen Pigmenten zu beschichten, anstatt sie mit Russ zu schwärzen.

Hierfür verwende ich verkohlte und pulverisierte Tierknochen. So wie Phönix aus der Asche verjüngt aufersteht und eine Wandlung durchmacht, so erhoffe ich mir ebenfalls eine Wende. Die Läuterung soll dann stattfinden, wenn ich mit der beschichteten Glasplatte meinen eigenen Pilgerweg begehe. Da, wo vor zwei Dekaden ein Teil meiner Geschichte begonnen hat, wo Rauschmittel und Medikamente meine Existenz mitbestimmt haben, stelle ich mein dunkles Ebenbild hin. An all die Schauplätze.

Ich trage die Schwermut mit, die mich damals durch Gossen, Massnahmenzentren und Gefängnisse begleitet hat.
Und während ich diese Orte abwandere, wird durch das Hantieren mit der Platte auch die applizierte Asche abgetragen. So begegnet mir nach und nach mein ans Licht tretende Spiegelbild im Glas. An dieser Stelle, wo unweigerlich eine Reinigung stattfindet, trifft die Selbstreflexion ihren Sinn.

Die Transformation hat begonnen. Während der Prozession werden die verschiedenen Standorte an derer die Platte senkrecht mir zugewendet steht, fotografiert. Durch die verschafften Arzt-Dokumente, die einen fundierten Einblick in den Prozess der Entzugstherapie meines Bruder gewähren, verschafft mir zusätzlich Klarheit. Die Arbeit findet an der F+F als Rauminstallation seinen Schlusspunkt und wird von den entstandenen schwarz weiss Fotografien begleitet. Der schriftliche Teil wird eine biografische, tagebuchartige Retrospektive auf die Entstehung der Arbeit selbst sein.

Brother

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