BLIND SPOTS 

Interaktive 3 Kanal-Projektion
2018


Die Arbeit zeigt Räume, Überreste dieser scheinbar katastrophischen (urbanen) Abwärtsspirale, die als Reflex der Abwehr zum Zuge kamen. Bruchstückhafte Erinnerungen und Sinnbilder meiner Suche. Sie bilden eine Sammlung von narrativen Sphären, die nach und nach in Erscheinung treten und betreten werden können. An Orten, an denen das junge Zürich sich kulturell festigte aber auch eine Drogenszene aufkeimen liess, die sich als Akt der Rebellion gegen das kapitalistische Zürich den geltenden gesellschaftlichen Normen widersetzte; sich einst versammelte oder heute immer noch trifft. Räume die an Artefakte erinnern und mit dem Lauf der Zeit sich aufheben und den Raum frei machen für neue soziale Milieus.

Indem ich gesellschaftlich relevante oft tabuisierte Räume und zurückgelassene Spuren digital abtaste entsteht eine Balance von Präsenz und Absenz des Gesehenen. Die unzureichende 3D-Technologie des iPhone lässt Lücken entstehen, die Räume fransen aus und scheinen sich gerade zu bilden oder sich aufzulösen.

So stehen Erinnerung, Vergessen und Rekonstruktion gleichwertig nebeneinander, Vorgänge, denen ich permanent ausgesetzt bin. Meine Arbeiten wollen diese Zustände wachhalten und sie als emotionale plastische Erfahrung in Raum und Zeit beim Betrachter in Gang setzen. Ich möchte die Räume nicht nur beschreiben, sondern sie wiederholen und neu ordnen. Bei diesem Versuch entstehen unvertraute Räume denen ich vertraue. Sie scheinen mir offen für neue Geschichten, ohne ihre Herkunft zu leugnen.

In den räumlichen 3D Projektionen kann der Betrachter die Bilder manipulieren und gerät damit ins Bild hinein. Grössenverhältnisse und Entfernungen verlieren ihre Konstanten und lassen ihn taumeln. Dabei kann er sich der Instabilität aussetzen oder Stabilität neu herstellen und erfährt sich so an der Grenze seiner Selbstgewissheit. Es ist mir wichtig, dass körperliche und zugleich virtuelle Erfahrungen sich nicht ausschliessen. Der Bildraum entsteht zwischen Instabilität und Vorstellung. Bilder sind für mich Objekte der Erfahrung.




 DOV’È – NONC’È 

Eine künstlerische Recherche in der Serie
„My Brother Heroin“ von Gianluca Trifilò
2019


Es gibt gesellschaftlich relevante Themen, um die man nicht herum kommt, mit denen man sich beschäftigen müsste und die dennoch tabuisiert werden. Der Journalismus greift diese Themen immer wieder auf und hinter verschlossenen Türen beschäftigen sich Gerichte mit den Fällen oder Ärzte und Psychiater empfangen die Opfer.


Mit Dov’è – Non c’è konfrontiert uns Gianluca Trifilò mit dem Script einer Drogengeschichte, den Aufzeichnungen aus der Arztpraxis über die wöchentlichen Besuche eines Klienten im Entzug. Knapp gefasst zeigt sich davon der Niederschlag vom hoffnungslosen Auf und Ab in den Notizen des Vertrauensarztes, den Bemerkungen der Arztgehilfin und dem persönlichen Einnahme-Protokoll des Betroffenen. Das künstlerische Projekt von Gianluca Trifilò, das sich seit 2014 ernsthaft mit diesem Stoff in verschiedensten Formen auseinandersetzt, dringt hier zum Sprachlichen vor.

In einem Raum, ähnlich abgeschottet wie ein Untersuchungs-Kabinett beim Arzt oder wie eine Zelle, steht man frontal vor einer Wand mit Strichlisten. Namen wie Codein* und Seresta ** lassen ahnen, dass es hier nicht um das Abzählen endlos verstreichender Tage geht, sondern um die pedantisch genaue Selbstkontrolle der täglichen Einnahme der genannten Medikamente. Handge

schriebene Daten bezeichnen einen Zeitraum von 4 Monaten und ein Stempel scheint die Richtigkeit der Angaben zu beglaubigen. Auffällig sind zwei schwarze Balken, offensichtlich geschwärzte Stellen, die einen Namen nicht preisgeben.

Eine weibliche Stimme im Raum macht protokollartige knappe Angaben über das Erscheinen, den Verbleib oder die Befindlichkeit einer Person - erschienen – nicht erschienen – schlaflos – zu spät –  Dov’è? Non c’è! - während auf beiden Seitenwänden unter dem Staccato der Klickgeräusche des Diawechsels, fachliche Aufzeichnungen einer Autorität zum Verlauf der Krankengeschichte, Dosierungen von Medikamenten und vertrauliche Briefe mit Einschätzungen zur Lage erscheinen. Hier und dort werden diese plötzlich ausgeblendet von weissem Licht, das aus leeren Projektionen stammt, aber auch von phantasievollen Zeichnungen, auf denen ein geübter Graffitileser den Namen Marco entziffern kann, oder – Grüsse aus dem Knast – Born to lo(o)se, Life to win – Tiger – Grüsse aus Barcelona...

Welten treffen hier in einem kleinenRaum aufeinander, Träume und Disziplin, unerfüllte Erwartungen und Kontrolle, Fröhlichkeit, Sorge und Abgründe... Drei Protagonisten: Marco ist instabil – um ihn dreht sich alles, er unterzieht sich der Kontrolle, entweicht ihr und träumt von Stärke, einem besseren Leben und weiss, dass er verliert. Die Autorität erscheint verbürgt – sie benennt alles, trifft Entscheidungen, gibt Anweisungen und interpretiert die Vorfälle. Die Assistentin äussert sich wertfrei – sie vermittelt zwischen Erscheinen und Absenz.

Obwohl hier sehr vertrauliche Inhalte, die sonst unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit geschehen, gehört und gezeigt werden, gibt es keinen Voyeurismus. Trifilò gelingt es, dieses heikle (schwierige) und zum Teil schmerzliche Material, das aus seinem familiären Zusammenhang stammt, zu befreien und produktiv werden zu lassen. Er tut dies, indem er zerstückelt, wiederholt und damit einer ausschliesslichen Zuordnung entzieht. Es gibt keine lückenlose Abfolge von Einsichten in eine Geschichte der man folgen könnte. Eher treten die Textfragmente und Bilder wie Splitter auf, denen etwas fehlt, wie Worte in einem gestammelten Satz, der nach neuen Bedeutungen sucht. - Das Aufeinandertreffen von protokollartigen Sequenzen und eingeblendetem weissem Licht, wird immer wieder von einer warmen weiblichen Stimme durchquert, die eine Art Brücke bildet zu den hin und wieder aufleuchtenden Zeichnungen. Der Betrachter kann sich in ein feldartiges Gefüge aus Worten und Bildern begeben, das ihm erlaubt in Beziehung zu treten zu einem abwesenden Marco.

Wahrscheinlich geht es hier nicht einfach um den spezifischen Fall eines Menschen der Hilfe suchte, der mit medizinischen Mitteln begleitet wurde und der vor allem auf die verlässliche Anwesenheit des Arztes zählen durfte  - sondern vor allem um den schwer auszulotenden Graben zwischen Anwesenheit und Abwesenheit.

Paul Virilio spricht in seinem Buch „Die Ästhetik des Verschwindens“ vom Pyknoleptiker, dessen Anfall sich als eine unvermittelte , sekundenlange oft sich wiederholende Absence zeigt, ein Wechsel zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Bei der …“Unregelmässigkeit des pyknoleptischen Aussetzens,… handelt es sich schlicht und einfach um Unterbrechung… um tatsächliches Verschwinden und wieder Auftauchen  des Wirklichen, um Loslösung von Dauer.“1 Virilio glaubt, dass wir alle hin und wieder zum Pyknoleptiker werden, dem aber keine Bedeutung beimessen.

Dieses könnten wir im Auge behalten, wenn wir uns im Staccato der auftauchenden Protokolle, den blendenden Aussetzern und den aufleuchtenden Bildern befinden. Marco war behender Grenzgänger zwischen verschiedenen Welten, zwischen Traum und Ende des Traums, zwischen Disziplin und Verlassen der Kontrolle, zwischen Versprechen und es nicht halten können. Seine Strichlisten und Zeichnungen sprechen vom dauernden Wechsel der unterschiedlichen Zustände und der grossen Spannung, der er ausgesetzt war, deren Opfer er schliesslich geworden ist.

In jedem von uns kommen und gehen gewisse Rhythmen in Verbindung mit starken und schwachen Zeiten auf erlebte Dinge. 2 Das Geflecht von Materialien, geht auf die Lebensgeschichte von Gianluca Trifilòs Bruder zurück. Sie lässt uns die Zwischenräume von Widersprüchen erleben, die metaphorisch unsere eigenen sein könnten. Die Ansprüche der heutigen Gesellschaft an den Menschen sind gross und sie erfüllen zu wollen, erfüllen zu müssen, ist oft in eine Überforderung. Abwesenheit und Anwesenheit in eigener Regie führen zu können oder Zustände des fliessenden Geschehens und des Aussetzens zuzulassen, wäre die Kunst ganz bei sich zu sein aber ebenso, es zuzulassen sich abhanden zu kommen, ohne Opfer zu werden.

* Codein ist das Oium des kleinen Mannes und wirkt nicht nur gegen Bronchitis, sondern auch ansteckende Fröhlichkeit und im Extremfall Atemstillstand.

** Seresta, Mittel zur systematischen Behandlung von Spannungs-, Erregungs- und Angstzuständen


1 Paul Viriolio, Aesthetik des Verschwindens, Merve Verlag 1986


2 Renzension von Jürgen Eppinger zu „Aesthetik des Verschwindens“

Text Ramona Viz



 DER GARTEN DER SÜCHTE 

Dokumentarische Arbeit mittels  3D-Scans
Ausgabe in VR Immersion
2017


«Der Garten der Süchte» ist eine interaktive Dokumentation, die mittels Web-Interfaces die Besucher und Besucherinnen auf eine visuelle Reise mitnimmt. Eine digitale, dreidimensionale Erfahrung zwischen Zeit und Örtlichkeit, zwischen Platzspitz der Neunziger Jahre und der Langstrasse von Heute.




«Der Garten der Süchte» bezieht sich auf den heutigen hedonistisch geprägten Lebensalltag. Es ist eine Allegorie, wie sie Hieronymus Bosch mit seinem Werk «Im Garten der Lüste» malte. Bosch stellte die Frage nach Moral und Sünde und der Darstellung von religiösem Einfluss im Mittelalter – Fragen, die sich mit etlichen Phänomenen unserer Zeit in Relation bringen lassen.
Ein multidimensionales Triptychon, das auseinanderliegende Geschehnisse miteinander verbindet und den Bogen vom Paradies über die Welt bis zur Hölle spannt.




Eine kurzlebige Geistererscheinung hatte zu Beginn der neunziger Jahre die Schweiz und insbesondere die Stadt Zürich im Griff, die am Platzspitz manifest wurde. Die damalige offene Drogenszene wurde bis heute ausgiebig behandelt. In Zeitungen und Büchern wurden Zeitdokumente aufbereitet. Darin wurde diese Phase in einer für ein breites Publikum aufbereiteten Form erfahrbar gemacht. Diese künstlerische Projekt geht weit darüber hinaus und greift Themen auf, die sich aus dem historischen Zusammenhang ergeben und ihre Gültigkeit bis heute nicht verlieren: So wie damals Heroin dazu diente, aus jener erstarrten Gesellschaft zu entfliehen, sollen heute nicht minder dubiose Mittel dabei helfen, mit stetig steigendem Leistungsdruck auszukommen. Mit dem Wegfall religiösen Glaubens wächst der Zweifel an der eigenen Existenz.





Unser Dasein orientiert sich an einer neuen Lust: die der eigenen Selbstdarstellung im kollektivem Narzissmus. Unsere Zeit nutzen wir dafür, unsere Körper zu optimieren, die Karriere voranzutreiben oder Social-Media-Profile zu pflegen. Permanent online und den Blick stetig auf unsere Bildschirme gerichtet, holen wir uns alles Wissen der Welt auf unsere Hand. Viele opfern ihr Dasein der täglichen Verrichtung am Arbeitsplatz, die eher der Selbstkasteiung gleichkommt als der Selbstbestimmung. Wir sehnen die Zeit nach Arbeitsschluss herbei, eilen ins Fitnessstudio und entfliehen Alltag in einer
exzessiven Ausgangskultur im Zelebrieren der Nacht. Mit rhythmischen Bewegungen tanzen wir uns zu repetitiver Musik in Ekstase. Die Mehrwertsteuer ersetzt die Kirchensteuer von damals, alte Ikonen werden durch kurzlebige Superstars kompensiert. Auf der Suche nach Geborgenheit vögeln sich andere mit Tinder innert kurzer Zeit durch die halbe Stadt – Sex, der zu Eigenschaften von Fast Food degeneriert oder doch freie Liebe? Alles, was die Produktion fördert, wird geduldet. So erhält jede Epoche seine Arznei, die Gesellschaft gleitet zunehmend in ihr eigenes, künstliches erschaffenes, Pa- radies. Esswaren ohne Zuckerzusatz sucht man in den von Waren übersättigten Handel vergeblich. Nahrungsmittel ohne Süssstoffe werden nicht ohne Grund kaum angeboten.




Was haben diese Phänomene miteinander gemein, die sich wie eine aufflammende Epidemie durch die meisten Altersgruppen und durch sämtliche soziale Kreise durchziehen? Und was hat Heroin damit zu tun? In meiner Arbeit gehe ich diesem Faszinosum der Gewohnheit sowie der Abhängigkeit in den verschiedenen Erscheinungsformen nach und thematisiere deren Verschiebung von einem in das andere System.




«Der Garten der Süchte» stellt eine virtuelle Sphäre dar, die von überall her online zugänglich sein soll und ohne einer Ausstellung im klassischen Sinne auskommt. Eine Welt zu erschaffen, die Einblick in der Zürcher Drogenszene der 90er verknüpfte Biografien und Erlebnisse gewährt. Zugleich bezieht sich die Arbeit dank des Einbezug aller recherchierten Informationen und Artefakten, die sich parallel dazu ansammeln, auf die heutige urbane Gegenwart.





DER GARTEN DER SÜCHTE - PREVIEW

 PLATZSPITZ

Luftballon, Glasspritze,
Helium Pfand-Flasche
2016


Schmerz stört. Insbesondere in einer hedonistischen Konsum und Leistungsgesellschaft. Warum sollte sich jemand freiwillig mit dem Schmerz der Anderen auseinandersetzen? Gib den Anderen lieber ein Schmerzmittel, dann lohnt es sich für die Wirtschaft und der Staat bekommt seine Mehrwertsteuer.

Psychische und physische Schmerzen sind vielfältig. In der westlichen Medizin galt Schmerz traditionell als Ausdruck einer organischen Schädigung. Heutzutage wird es nicht mehr als rein körperliche Empfindung definiert, sondern bezieht auch genetische, psychosoziale sowie kulturelle Faktoren ein. Die medikamentöse Behandlung dominiert nach wie vor die medizinische Schmerzforschung. Nicht nur Psychologen wissen unterdessen, dass empathisches Mitfühlen seitens des sozialen Umfelds oder innerhalb einer Psychotherapie helfen kann, die Stärke der individuellen Schmerzempfindung zu lindern (Schmerzmodulierung). Dennoch bleibt Schmerz eine sehr subjektive Wahrnehmung mit komplexen Wechselwirkungen, die sich massgeblich auf die Lebensqualität auswirkt.

Heroin war eines der ersten chemischen Arzneimittel, das im grossen Stil produziert und zur Linderung von Husten, Schmerzen und Depressionen beworben wurde. Anfangs glaubte man, es mache im Gegensatz zu Morphium nicht süchtig und könne auch Kindern verschrieben werden. Kurz vor dem ersten Weltkrieg sprach sich herum, dass inhaliertes oder intravenös gespritztes Heroin eine viel stärkere Wirkung besitze. Ab 1930 international geächtet, begann Ende der Sechziger Jahre der Aufstieg zur beliebten Strassendroge. Heroin hat eine Halbwertzeit von 6 Stunden. Wie bei der Ausschüttung von Endorphinen (körpereigene Opioide) verursacht der Konsum ein sehr intensives Wohlgefühl, das viel stärker als ein sexueller Höhepunkt wirke. Zustände von Geborgenheit und grosser Zufriedenheit werden beschrieben. Körperliche als auch seelische Schmerzen verschwinden völlig, oder werden nicht mehr als störend erlebt. So, als sei man in Watte eingebauscht.

Gehört Schmerz zur Natur des Menschen? Eine unangenehme Empfindung, dem man sich von der Geburt bis zum Ableben nie völlig entziehen kann? Was passiert mit dem Schmerz, wenn eine Gesellschaft ihn lieber verdrängen will?

Vor 20 Jahren verursachte die offene Drogenszene in Zürich vielfältige Erscheinungsformen des Schmerzes. Viele junge Menschen trieb die vermeintliche Auflösung des inneren Schmerzes durch die Heroin-Einnahme in den schnellen oder langsamen Tod. Der Platzspitz („Needle Park“) polarisierte weit über die Landesgrenzen hinaus die Gemüter. Die Versuche, dem offenen Drogen-Umschlagplatz ein Ende zu bereiten, bewirkten nur eine mehrfache räumliche Verschiebung des Problems. Bis den Ordnungshütern der Kragen platzte und die offene Szene auflöste. Das Übel bohrte sich über die Jahre in das gesellschaftliche Gedächtnis ein. Das Thema wurde ins Abseits gedrängt und die Junkies verschwanden in Schlupflöchern. Einige Abhängige hatten das vermeintliche Glück, an einer staatlich organisierten Entzugstherapie teilzunehmen.

Ein abrupter Heroinentzug ist nicht unbedingt lebensbedrohlich, aber die Betroffenen empfinden es als die Hölle. Der Entzug verursacht Muskel- und Knochenschmerzen, Krämpfe, Zittern, Schweißausbrüche wechseln sich ab mit Schüttelfrost, Schlaflosigkeit und Erbrechen. Der Entzug dauert bis zu einer Woche und die Verletzungsgefahr steigt wegen autoaggressivem Verhalten. Folglich entsteht physisch wie psychisch ein schier unstillbares Verlangen nach dem erlösenden nächsten „Schuss“. In staatlich kontrollierten Entzugstherapien wird Heroin meist durch Methadon ersetzt, weil es billiger ist. Die Methadon-Therapie macht die Abhängigen zu Patienten und lässt sie langsam über die Jahre hinweg dahinsiechen. Sie werden träge und antriebslos. Die Lebensqualität der Betroffenen und das soziale Umfeld leiden darunter. Die Todesfälle will niemand an die grosse Glocke hängen.

Heute, gut zwanzig Jahre nach der Vertreibung der offenen Drogenszene, denken die meisten, es sei alles in Ordnung. Vereinzelt wagt sich ein Abtrünniger mit glasigen Augen und schleppender Stimme gegen den Strom der Geschäftigen zu laufen – das Betteln um ein paar Münzen hinterlässt meist nur ein fahles Gefühl von Ekel. Die Medien leisten ihren Beitrag, lassen die alten Bilder auferleben, der Schmerz gehört den Anderen.

Der Platzspitz ist ein künstlerischer Mikrokosmos, um sich dem Schmerz der Anderen zu nähern und einen fühlbaren Denkprozess anzustossen. Die Installation dient als Forschungsgrundlage, um Überlieferungen von Zeitzeugen und Folgen der Abhängigen zu sammeln. Die Installation bietet die Option zur Interaktion. Videoaufzeichnungen eines „Reenactements“ eines Schauspielers sind mittels digitaler Rotoskopie auf einen grossen Ballon projiziert. Neugierige Besucher können die Gaszufuhr in den Ballon aufdrehen. Kurz bevor der Ballon die ideale Grösse erreicht, berührt er die Spitze einer Glasspritze und platzt. Die Arbeit soll den Schmerz wachhalten, den Schmerz der Anderen, die dem Rauschmittel erlegen sind. Durch das Involvieren des Betrachters oder der Betrachterin, soll die Empathie angeregt werden, Drogenabhängige nicht als Randgruppe abzukanzeln, sondern als Einzelschicksale und Teil der Gesellschaft zu verstehen. Die Installation soll Fragen aufwerfen, wieso die Gesellschaft Schmerz vermeiden will. Die experimentelle Installation ist kein Schlusspunkt, sondern dient dem künstlerischen Erforschen der unterschiedlichen Empfindungen und Reaktionen des teilnehmenden Publikums.

co Mirjam Loertscher


 HEROINS ZEUGEN 

Beinschwarz, Glasplatte
2014


Letten in den neunziger Jahren, Zürichs graue Gassen, desolate Zustände, meine Brüder inmitten der Heroin konsumierenden Drogenszene. Die Schauplätze lösen in mir ohnmächtige Gefühle aus. Ich gehe als Kind an der Hand meiner Mutter diese Orte ab, um die Brüder zu suchen. Marco und Santo – fünf und zehn Jahre älter als ich. Die Geschichte erstreckt sich über Beschaffungskriminalität, Inhaftierungen, gescheiterte Entzugstherapien, Überdosen von Medikamenten, Streit und Gewalt. Machtlos in diesem Zustand, haben wir auf ein baldiges Ende gehofft.

Nüchtern gesehen war die Aussicht auf Besserung sehr gering, manchmal gar utopisch. Unablässig mussten die Brüder den zwanghaften Drang nach Erlösung stillen. Tag für Tag sind sie innerlich zerbrochen und dann wieder aufgeblüht. Marco ist mittlerweile den Folgen seiner Obsession erlegen. Santo lebt in Sizilien, hier des Landes verwiesen. Meine Mutter lässt ihm Geld zukommen für seinen Unterhalt. Das Methadon bezieht er bei einer Abgabestelle im Ort. Als junger Erwachsener zwischen diesen Szenarien, hat es mir an Halt gefehlt. Eine Tagesstruktur habe ich durch das Besuchen der Schule erlangt. Die Hausaufgaben habe ich selten oder gar nicht geschafft. Wegen den Umständen zuhause habe ich mich mit anderen Dingen abgelenkt. Rückblickend erinnere ich mich an die Zeit des Elends nur noch vage. Heute wiederum möchte ich mich intensiv mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen. Mein Weg durchläuft alle Etappen, die einen besonderen Stellenwert erhalten und sich mir so eingeprägt haben. Alle Orte haben Spuren hinterlassen. Eine Glasplatte in der Höhe und Breite eines 11 Jahre alten Menschen begleitet mich. Die Platte steht stellvertretend für mich als Kind. Analog den Eigenschaften eines Kindes widerspiegelt sich auch im Material Glas die Persönlichkeit, das Temperament, das Wesen.

„Ich habe miterlebt, wie meine Brüder durch den Drogenkonsum zu Zauberlehrlingen geworden sind.“

Das Heroin wird bekanntlich oft gespritzt, kann aber auch geraucht werden - statistisch gesehen von gut der Hälfte der Ab- hängigen. Hierfür wird eine kleine Menge des Heroins punktweise auf einem Stück handelsüblicher Alufolie platziert. Diese wird dann mit dem Feuerzeug erhitzt, bis das Heroin sich verflüssigt. Danach bewegt man den Stoff auf der Folie hin und her, bis sich eine dunkelbraune Bahn bildet. Die aufsteigenden Dämpfe werden inhaliert und möglichst lange in der Lunge behalten. Eine solche Prozedur dauert in der Regel bis zu zwanzig Minuten. Auf der Unterseite der Alufolie bildet sich durch die Erhitzung des Feuerzeugs eine schwarze Russschicht.

„Ein schwarzer Schleier hat mir über die Jahre den Blick auf die Vergangenheit verwehrt.

Für mich stellt meine Arbeit etwas Alchemistisches dar, was mich dazu bewogen hat, die Glasplatte komplett mit schwarzen Pigmenten zu beschichten, anstatt sie mit Russ zu schwärzen. Hierfür verwende ich verkohlte und pulverisierte Tierknochen. So wie Phönix aus der Asche verjüngt aufersteht und eine Wandlung durchmacht, so erhoffe ich mir ebenfalls eine Wende. Die Läuterung soll dann stattfinden, wenn ich mit der beschichteten Glasplatte meinen eigenen Pilgerweg begehe. Da, wo vor zwei Dekaden ein Teil meiner Geschichte begonnen hat, wo Rauschmittel und Medikamente meine Existenz mitbestimmt haben, stelle ich mein dunkles Ebenbild hin. An all die Schauplätze.

Ich trage die Schwermut mit, die mich damals durch Gossen, Massnahmenzentren und Gefängnisse begleitet hat. Und während ich diese Orte abwandere, wird durch das Hantieren mit der Platte auch die applizierte Asche abgetragen. So begegnet mir nach und nach mein ans Licht tretende Spiegelbild im Glas. An dieser Stelle, wo unweigerlich eine Reinigung stattfindet, trifft die Selbstreflexion ihren Sinn.

Die Transformation hat begonnen. Während der Prozession werden die verschiedenen Standorte an derer die Platte senkrecht mir zugewendet steht, fotografiert. Durch die verschafften Arzt-Dokumente, die einen fundierten Einblick in den Prozess der Entzugstherapie meines Bruder gewähren, verschafft mir zusätzlich Klarheit. Die Arbeit findet an der F+F als Rauminstallation seinen Schlusspunkt und wird von den entstandenen schwarz weiss Fotografien begleitet. Der schriftliche Teil wird eine biografische, tagebuchartige Retrospektive auf die Entstehung der Arbeit selbst sein.